Der Alltag zuhause wird für Mutti immer schwieriger

Mutti geht’s nicht sehr gut und wir kämpfen uns so durch – mehr schlecht als recht.

Die Demenzbegleiterin kommt jetzt einmal die Woche, die Beiden ratschen zusammen, Mutti schickt sie zum Einkaufen (in dem festen Glauben, dass sie noch nichts gegessen hat und auch nichts daheim hat). Naja…
Aber sie ist Mutti sehr zugewandt und hält auch den Kontakt zu mir, was ich sehr gut finde. So bekomme ich wenigstens einen kleinen Einblick wie es um meine Mutti bestellt ist, wenn ich nicht da bin.

Es gibt so Tage, da komme ich mit Lebensmitteln bewaffnet, um mit Mutti zu kochen. Aber ich finde eine aufgetaute Gemüse-Lasagne, die ich für sie vorgekocht habe, in der Mikrowelle; gleichzeitig hat sie einen Kohlrabi zum Kochen vorbereitet, obwohl sie wusste, dass ich mit Essen komme; einen verdorbenen Rest von einem Fertiggericht und eine total zermatschte Gurke darf ich zum Glück entsorgen.

Ein einziger Jammer! Wie soll das nur weitergehen?

Ich quäle Mutti zur Bank, um das Online-Banking freischalten zu lassen; sie ist total erschöpft.
Der Bankangestellte – er kennt Mutti schon ewig – ist sehr einfühlsam. Mutti darf im Wartebereich sitzen bleiben und bekommt die Formulare, die sie unterschreiben muss, direkt dort vorgelegt.
Trotzdem ist es für meine arme Mutti kaum zu bewältigen.

Wieder daheim dauert es nicht lange bis zur nächsten Aufregung:

Wo ist Muttis Scheckkarte?

Ich suche wie von Sinnen in allen Jackentaschen, in ihrer Handtasche, auch Muttis Einkaufswagerl wäre eine Möglichkeit. Aber: NIX!
Während wir beide ziemlich aufgeregt nach der Scheckkarte suchen fragt Mutti immer mal wieder: „Nach WAS suchen wir jetzt eigentlich?“
‚So muss es sich anfühlen, wenn man kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht‘ denk ich mir und versuche ruhig zu bleiben (gelingt mir aber leider nicht 😳 )

Mit Muttis Schlüssel in der Hand renne ich zu den Mülltonnen; erst vorhin hab ich einiges an Müll weggebracht. Wer weiß, vielleicht war ja die Scheckkarte irgendwo dazwischen. Aber auch diese Idee: FEHLANZEIGE!

Geknickt gehe ich über den Hof zurück und sperre mit Muttis Schlüssel die Haustür auf. Ich kann nicht sagen, was mich dazu bewegt hat, aber ich öffne das kleine Fach an Muttis Schlüsseltascherl und was kommt da zum Vorschein?

Genau! Die Scheckkarte!

So sehr ich erleichtert bin, dass die Karte wieder da ist, so sehr könnte ich Mutti an den Schultern packen und wachrütteln.
„Warum tust Du die Sachen denn nicht an ihren Platz? Warum steckst Du immer irgendwas irgendwohin? Warum? Warum? Warum?“

Heute weiß ich, dass die Frage „Warum“ überhaupt keinen Sinn macht.
Heute würde ich Mutti loben, dass sie so gut auf die Scheckkarte aufgepasst hat, und sie zu ihrem Notgroschen ins Schlüsseltascherl gepackt hat, weil sie ja immer „flüssig“ sein wollte.

Aber damals spürte ich nur Wut und Verzweiflung.

 

 

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