Dieser Film über Demenz bricht bei mir alle Dämme

Einen Film anschauen ist immer schön.
Man lehnt sich bequem zurück, ist ganz gespannt was da so kommt, und lässt den Alltag für eine gewisse Zeit hinter sich.

Denkste!

Nicht so bei diesem Film von Rosemarie Maier!

Dieser Film ist mir total unter die Haut gegangen, und wenn ich nicht ein bisschen Speck auf den Rippen hätte, wäre er mir sicher bis auf die Knochen gegangen  😉

Rosemarie Maier ist selbst Lehrerin für Pflegeberufe und Buchautorin und zeigt in ihrem Ein-Personen-Stück „Die verlorene Tochter und die wiedergefundene Mutter“ sehr deutlich die unterschiedlichen Möglichkeiten im Umgang mit einem demenzkranken Menschen auf.
Möglichkeit 1: Ich mach das so, wie ich es für vernünftig halte.
Möglichkeit 2: Ich mach alles ganz anders.

Der Film gliedert sich in 2 Akte:
1. Akt: Anni Huber mit einer beginnenden Demenz lebt zu Hause in ihrer Wohnung und                    wird von ihrer Tochter versorgt.
2. Akt: Anni Huber lebt mit einer fortgeschrittenen Demenz in einem Pflegeheim.

Am schlimmsten gepackt hat mich der erste Akt.

Hier spielt Frau Maier die demenzkranke Anni Huber. Auch die Tochter, die ihre eigenen Vorstellungen davon hat, was der Mutter guttut, wird von Frau Maier sehr authentisch gespielt.

Die Mutter aber kann mit diesen Vorstellungen nichts anfangen, fühlt sich unverstanden; so  kommt es zu Konflikten, die wohl jeder von uns schon erlebt hat.
Ich erkenne mich zu 100% wieder und das schmerzt unbeschreiblich. Gerade weil die Schauspielerin so gut sichtbar macht, wie sich die demenzkranke Mutter fühlt. Man selbst ist ja meist sehr genervt, wenn die Mutter / der Vater nicht mehr so funktioniert wie man es gewohnt ist.
Aber dann förmlich zu spüren, wie verzweifelt, alleine und hilflos dieser Mensch sich fühlt, ist kaum auszuhalten.

In einem Telefonat zwischen der Tochter und ihrer Freundin klärt sich die Situation dahingehend, dass die Tochter versteht, dass sich die Mutter nicht ändern kann, sondern dass sie sich auf das Erleben der Mutter einstellen und vor allem einfühlen muss.

Und dann geht plötzlich vieles so viel leichter. Wenn man den Druck verringert und mehr Verständnis aufbringt, sieht man auf einmal vieles mit den Augen der Mutter und spürt ihre Not.

Der zweite Akt zeigt Anni Huber im Pflegeheim. Hier wollen die Schwestern „nur das Beste“ für die Demenzkranke. Wieder entstehen Konflikte, denn die Bewohnerin weiß einfach nicht, was die Schwestern von ihr wollen.
Doch am Ende versteht eine der Pflegerinnen, worum es im Umgang mit Demenzkranken wie Anni Huber geht:

„Wir müssen unser Verhalten ändern,
denn die Kranken können es nicht mehr“

Ich sitze zwischen den ganzen anderen Zuschauern und kann mein Schluchzen kaum unterdrücken. Es ist, wie wenn ich in einen Spiegel schaue.

Und was ich da sehe, gefällt mir nicht.

Mit einem Mal spüre ich das ganze Dilemma in dem sich meine Mutti befindet.
Mein Kopf weiß ja schon lange wie es meiner Mutti geht. Durch den Kurs zur Demenzbegleiterin verstehe ich auch vieles, aber jetzt SPÜRE ich es förmlich und das ist der absolute Wahnsinn.

Manchmal glaubte ich ja schon, dass ich ganz gut bin im Umgang mit Mutti, aber jetzt…

Wo bleibt die Liebe? Wo bleibt das Mitgefühl?

Ich glaube, das Geheimnis liegt im Fühlen.
Nicht das unbedingt Verstehenwollen, Erklären, Verändernwollen ist wichtig.
Sich Zeit nehmen zum Schauen und Fühlen ist wichtig.
Weg vom Erledigenwollen, vom Schaffenmüssen.

Dieser Film hat meine Sicht auf die Situation mit meiner Mutti grundlegend verändert und ich glaube auch, dass er ein ganz wichtiges Umdenken bei mir angestoßen hat.

Vielen Dank für diesen tollen Film.
Ich kann ihn nur allen Betroffenen wärmstens ans Herz legen.

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