Ein Anruf meiner demenzkranken Mutter verändert alles

Nun ist es Mitte August 2012 und ganz früh am Morgen klingelt das Telefon.
Eine ungewöhnliche Zeit und ich habe schlagartig ein komisches Gefühl. Mutti ist dran, klingt ängstlich und klagt, dass es ihr gar nicht gut geht, und dass sie überhaupt nicht weiß, was mit ihr los ist.
Ich versuche, sie zu beruhigen und erkläre ihr, dass ich mich nur noch schnell fertig machen muss und dann sofort zu ihr fahre.

In dieser Zeit arbeite ich mittwochs immer erst ab mittags und dafür bis in den späten Abend hinein – was für ein Glück, wenn man in so einer Situation den Vormittag frei hat.

Total angespannt und voller Angst vor dem was mich wohl erwartet, fahre ich – viel zu schnell – zu Mutti. Erinnerungen werden wach an damals, als mich Mutti angerufen hat, dass Vati in der Küche liegt. Das war ganz schrecklich für mich und ich habe nur gehofft, dass ich nicht von der Polizei angehalten werde. Und genau dasselbe Gefühl habe ich jetzt nach mehr als 10 Jahren wieder.

Bei Mutti angekommen finde ich sie sehr verängstigt im Bett vor. Sie hatte eine schlimme Nacht, klagt, dass sie im Liegen keine Luft bekommt, und kaum hat sie sich mühsam aufgesetzt, stöhnt sie und sagt, dass das alles so anstrengend ist und dass sie sich wieder hinlegen muss.
„Auf und nieder immer wieder“ kann ich da nur sagen. Ich bin soo hilflos und schaue mit Schrecken zu, wie sie sich quält. Ich habe große Angst, dass sie ersticken muss.

Mühsam versuche ich, mich zusammenzureißen und mir meine
Angst nicht anmerken zu lassen.

Am liebsten würde ich sofort den Notarzt rufen, aber Mutti will das nicht.
Auch wieder ein „deja vu“.
Ganz ähnlich war es einmal mit meinem Vati. Ihm ging es furchtbar schlecht und ich hatte das Gefühl, dass es so nicht mehr lange gehen kann. Aber einen Notarzt wollte er auf keinen Fall im Haus haben. Nach Rücksprache mit dem damaligen Pflegedienst habe ich halt doch angerufen und wurde vom Arzt ziemlich geschimpft, dass ich mich erst so spät gemeldet habe. Damals ist gottseidank nochmal alles gutgegangen, aber was mache ich heute?
Ähnliche Situation und ich ganz allein damit.

Ich entschließe mich, zu warten bis Muttis Hausarzt in der Praxis ist, und rufe dann dort an. Der Arzt sagt, Mutti muss auf jeden Fall ins Krankenhaus. Er macht die Einweisung fertig, ich kann ihn noch bitten, dass er sich um einen Platz in unserer „Wunschklinik“ bemüht, und Mutti beteuert, sie braucht keinen Krankentransport, sie kann mit mir in die Klinik fahren.
Also hole ich beim Arzt die Einweisung ab und denke mir während der Fahrt nur immer: ‚Wie bringe ich Mutti ins Auto; was mache ich, wenn ich in einen Stau gerate; was mache ich, wenn Mutti plötzlich wirklich keine Luft mehr bekommt?‘

Wieder daheim angekommen ist mir ganz klar:

‚Du kannst Mutti nicht im eigenen Auto fahren.
Du brauchst einen Krankenwagen!‘

In meiner Not fällt mir der Hausnotruf ein und ich drücke auf den Knopf.
Eine freundliche Dame meldet sich und ich erkläre ihr unsere Situation. Sie meint erst, ich will einen Notarzt bestellen, aber ich schaffe es, sie davon zu überzeugen, dass ein einfacher Krankentransport genügt. Dass ich die Klinikeinweisung vom Hausarzt schon habe, und dass ich mich nicht im Stande fühle, meine Mutti in diesem schlechten Zustand selbst ins Krankenhaus zu fahren.
Endlich versteht sie mich und kurz darauf kommt der Krankenwagen. Sie packen Mutti gleich in Nachthemd und Morgenmantel auf einen Transportstuhl und los gehts.
Ich bleibe dicht hinter dem Sanka um Mutti in der Kliniksituation möglichst nicht lange alleine zu lassen.

Dann kommt die übliche Prozedur mit Aufnahme, Angaben zur Person etc.
Eine Ärztin fragt Mutti aus und ich merke, dass sie grenzenlos überfordert ist mit dieser Situation. Von Mutti unbemerkt gebe ich der Ärztin zu verstehen, dass Mutti Alzheimer hat, und dass sie selbst nur bedingt auf Fragen antworten kann.
Bis alle  Aufnahmeformalitäten erledigt sind, bleibe ich an Muttis Seite. Ich sage in der Arbeit Bescheid, dass ich wahrscheinlich ein bisschen später komme, organisiere für Mutti noch ein Telefon und lasse sie dann am frühen Nachmittag in ihrem Krankenbett allein zurück.

Ich habe Angst!

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