Ein Text über Demenz berührt mich sehr

Auf meiner hilflosen Suche durchs Internet nach Erfahrungen von anderen Betroffenen bin ich auf einen sehr ergreifenden Text von Christa Astl gestoßen. Die Nähe zu meiner eigenen Situation hat mich schier sprachlos gemacht…

Da schreibt doch tatsächlich jemand meine Gedanken auf!
Wie kann das sein?

Ich sehe die Situation, von der Frau Astl da schreibt, förmlich auf mich zurasen.
Wie soll das nur werden, wenn Mutti mal ins Heim muss? Wie lange kann ich sie noch alleine daheim lassen? Wie wird sie einen Umzug verkraften?

Oh je! Mir wird Angst und Bang!

Mit ausdrücklicher Erlaubnis von Frau Astl – dafür bedanke ich mich nochmal ganz herzlich bei ihr – darf ich ihren Text hier auf meinen Blog einstellen.
Übrigens ist es der Anfang ihres inzwischen im Eigenverlag herausgebrachten Buches „Heimgeschichten“, welches ausschließlich über die Autorin selbst zu beziehen ist.

Abschied von zu Hause    von Christa Astl

Ein letzter Rundgang durch die leere Wohnung. Nein, leer ist sie noch nicht, noch ist SIE ja da, die Frau Aloisia Müller. Aber bald wird sie von ihrer Tochter abgeholt und ins Heim, in ihr neues Daheim gebracht.

Vor drei Jahren hat sie sich für einen Platz im Altersheim vormerken lassen, sie dachte, mit fünfundachtzig wäre es dann wohl Zeit. In zwei Wochen wird sie sechsundachtzig.

Sie wollte so allmählich beginnen, Sachen, wegzugeben, damit das endgültige Ausräumen leichter würde. Aber die Zeit verlief, sie hat das Ausräumen vergessen, alles war noch wie seit vielen Jahren in Kästen und Schränken. –

Nun hat sie vorige Woche den Bescheid bekommen und zu packen begonnen. Irgendwie ist sie froh um diese Entscheidung. Die Hausarbeit, das Einkaufen, alles wird zunehmend schwieriger, erschöpft sie immer mehr. So beschließt sie, lieber jetzt gleich freiwillig ins Heim zu gehen, dort noch den Komfort des Sich- Bedienen- Lassens zu genießen. Sie kann sich an den gedeckten Tisch setzen, ein Mittagsschläfchen halten, wozu sie sich zu Hause nie Zeit genommen hat, kann mit ruhigem Gewissen nachmittags spazieren gehen oder im Liegestuhl liegen, vielleicht auch wieder lesen, sie möchte sich nach einem arbeitsreichen Leben die letzte Zeit, von der sie genau weiß, dass diese angebrochen ist, so angenehm und schön wie möglich machen.

Was nimmt man mit an den letzten Ort? Was braucht man im Alter denn noch? Nicht mehr viel, wie sie in letzter Zeit festgestellt hat. Seit einem Fußleiden kommt sie nicht mehr viel aus dem Haus. Also kann sie all ihre schönen, modischen Schuhe mit Absätzen gleich dalassen. In ihren bequemen „Tretern“ fühlt sie sich am wohlsten, wer wird ihr noch auf die Füße schauen?

Kleider, Blusen, Röcke, Hosen, – davon sucht sie die besten Sachen, die sie bisher so sehr geschont hatte, aus. Sie freut sich, nun jeden Tag wie am Sonntag gekleidet sein zu dürfen! Jetzt braucht sie ja nichts mehr zu arbeiten, da kann sie schon schön angezogen sein! Sorgfältig hat sie die Teile zusammen gelegt und damit den ersten großen Koffer gefüllt.

Die Bücher? Wann hat sie zum letzten Mal darin gelesen? In der Hand hielt sie sie nur mehr zum Abstauben, das Lesen fällt ihr schon zu schwer. Und doch streift ihre Hand wie liebkosend über die Rücken der einstmals so geliebten Freunde, die ihr viele Stunden verschönt hatten. Und einige packt sie tatsächlich ein, wenn auch vielleicht nur zum Anschauen.

Die Reiseandenken? Ja, einige davon muss sie mitnehmen, die kommen in die Tasche, sie sollen die Erinnerung wach halten! Die Miniaturgondel aus Venedig, (erinnert an die Fahrt mit dem singenden Gondoliere, der ihr so schöne Augen gemacht hat, …) den winzigen Holzschuh aus Amsterdam, … den Eiffelturm mit den zwei Rosen? – Nein, den lässt sie zurück, zu lange ist diese erste Liebe schon her, wohl aber packt sie den Bären aus Schweden, ein Andenken an die letzte große Reise, ein.

Erinnerungen, – plötzlich hängen Erinnerungen an allen Dingen, sogar an den Kochtöpfen, einem kleinen Löffel, mit dem ihre Tochter, später ihre Enkelin das Essen gelernt hatte.

Für Momente wird es ihr schwer ums Herz. – Alles aufgeben, alles zurücklassen, nie mehr wieder sehen. – Sie schluckt aufsteigende Tränen hinunter. „Du hast es ja selbst gewollt, und einmal musst du auch den letzten Löffel abgeben“, ermuntert und schilt sie sich selber.

Noch einmal geht sie die Runde, zum wievielten Male wohl in der einen Woche? Ein paar Bilder hat sie bereits abgenommen, ihr Hochzeitsbild, Kinderfotos von Tochter und Enkelin, die will sie auf jeden Fall mitnehmen; die kahlen Stellen an der Wand blinken sie ratlos an.

Sie öffnete wieder alle Schubladen, schaut in die Kästen, aus dem Badezimmerschrank nimmt sie die restlichen Flaschen, einige Salben und Hausmittel, – die kann sie immer mal brauchen, – dann schließt sie die Badezimmertür. Von diesem Raum hatte sie sich endgültig getrennt. Auch in den anderen Räumen erscheint ihr plötzlich alles unwichtig, sie kann es gerne zurücklassen, sie kann die Türen schließen, will sich gerne davon trennen. Sonst könnte sie ja gleich hier bleiben…

Ihr Blick fällt zum Fenster, mildes Abendlicht färbt die Berge. „Vom neuen Zimmer habe ich den gleichen Blick“, erinnert sie sich von der ersten Heimbesichtigung her und freut sich.

Die große Blumenvase vom Wohnzimmer? Soll sie die mitnehmen?- Nein, die braucht zu viel Platz, und wer würde ihr noch einmal so viele Blumen schenken? Franz, ihr Mann, hatte das zu ihrem Geburtstag immer gemacht, Rosen hat sie immer bekommen… Ein stilles Leuchten ist nun in ihren Augen. Aber Franz liegt schon über ein Jahr auf dem Friedhof.

Ach ja, zum Friedhof wird sie nun nicht mehr jeden zweiten Tag gehen können? Vom Heim aus ist es zu weit. „Dann muss sich halt die Tochter um das Grab kümmern… – Mein lieber Franz, in Gedanken bin ich ohnehin immer bei dir, und bald werde ich ja auch zu dir kommen“. –

Müde ist sie geworden. Schwer lässt sie sich in ihren Fernsehsessel fallen. „Den muss der Schwiegersohn mit seinem großen Auto nachbringen“, denkt sie noch. „Aber jetzt setze ich mich lieber nochmals auf das Sofa, auf dem werde ich dann nie mehr sitzen!“

NIE – wie hart und endgültig das klingt!?? Wieder will sich Trauer einschleichen. Da fällt ihr Blick auf den Eiffelturm. – „Ich nehm ihn doch mit!“, und sie packt ihn vorsichtig in ihren Schal, damit die zwei Rosen ja nicht abbrechen und legt ihn ganz oben in ihre Tasche.

Dann läutet es und die Tochter ist da.

Gemeinsam schleppen sie Koffer und Taschen hinunter ins Auto. Es ist doch viel geworden, was sie mitnimmt!

Ein letzter, etwas wehmütiger Blick, sie schließt energisch die Türe hinter sich – jetzt ist die Wohnung wirklich leer.

 

Mir treibts mal wieder die Tränen in die Augen wenn ich in unsere eigene ungewisse Zukunft blicke.

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