Ein wenig Struktur für meine an Demenz erkrankte Mutter

Ja, die Zeit geht so dahin, und Mutti und ich bewegen uns so ein bisschen zwischen Normalität und Ausnahmezustand.

Mein Mann und ich versuchen – so gut es eben geht – Muttis Alltag zu organisieren:
er fährt mit ihr zur Fußpflege; den Termin fürs nächste Mal vereinbart er gleich in Abstimmung mit seinem Kalender.

Ich bemühe mich, Muttis Haushalt so halbwegs am Laufen zu halten – putze Fenster, überziehe ihr Bett, richte für eine Woche die Tabletten in die Medikamenten-Dosier-Box, alles was halt so anfällt.
Am meisten fordert mich aber, ihre Vorräte im Zaum zu halten.

Wahrlich eine Sisyphus-Aufgabe!


Meist ist von Allem zuviel da, besonders zu viele Semmeln, Unmengen an Käse, immer wieder Milch. Die Semmeln friere ich ein und hoffe, dass Mutti auch mal welche auftaut, den Käse sortiere ich nach Datum und nehme ältere Päckchen mit zu mir, und und und.

Mein Versuch, die Käsepäckchen in Muttis Kühlschrank nach Datum sortiert in ein Kühlschrank-Körbchen von mir einzuordnen, scheint erst mal eine gute Idee zu sein. Mutti ist begeistert und hätte gerne noch ein zweites Körbchen.

Doch das „Unternehmen Kühlschrank-Körbchen“ ist nicht lange von Erfolg gekrönt. Schon bald findet sich ein buntes Sammelsurium von Dingen darin, und die Käsepakete sind wieder über alle Ecken und Winkel im Kühlschrank verteilt.
Wenn ich jetzt daran denke, dass ich für sie damals unbedingt noch irgendwo ein zweites Körbchen auftreiben wollte, und danach in unendlich vielen Geschäften und auch im Internet fieberhaft gesucht habe, kann ich nur über die viele vertane Zeit schmunzeln.

Auch kleine Zettel, die ich mit Magneten an der Kühlschranktür befestige (einen zum Aufschreiben, was sie einkaufen muss; den zweiten mit Dingen, die sie aus dem Vorrat essen kann), erscheinen nur für den ersten Moment hilfreich.

Alzheimer-Demenz
Mutti findet die Magneten, ein Schaf und eine Kuh, sehr lustig, aber das Geschriebene kommt bei ihr nicht an.
Stattdessen finde ich immer wieder Einkaufszettelchen in der ganzen Wohnung, auf denen ordentlich steht:

Milch, Käse, Semmeln, ….

Für 2 feste Tage melde ich Mutti im ASZ zum Mittagessen an. Das war ein Vorschlag, der dortigen Leiterin, um wieder mehr Struktur in Muttis Leben zu bringen.
Meine große Hoffnung war, dass sie dort auch nette Bekanntschaften mit Leuten aus der Nachbarschaft macht und neuen Anschluss findet.
Leider vergisst sie oft, dass sie zum Essen angemeldet ist, oder ist zu müde, um hinzugehen. Dann bringt manchmal ein netter Helfer vom ASZ Mutti ihr bestelltes Essen vorbei, oder wir bezahlen die Mahlzeit eben umsonst.

Und manchmal kommt auch etwas zurück von der Herzlichkeit, die Mutti ihren Mitmenschen immer entgegengebracht hat.
So holt zum Beispiel die Friseuse, zu der Mutti schon seit über 20 Jahren geht, sie nun zu Hause ab, macht ihr im Salon die Haare und bringt sie wieder heim.

Doch leider stellt sich immer deutlicher heraus, dass alle Versuche, Muttis Leben zu strukturieren, immer öfter ins Leere laufen.
Dadurch, dass sie oft sehr müde ist und viel schläft, rinnen ihr die Tage förmlich durch die Finger. Auch in ihr großes Termin- und Tagebuch schaut sie nicht mehr regelmäßig.
Ihre Antriebslosigkeit führt auch dazu, dass sie Dinge, die ihr immer wichtig waren, mehr und mehr vernachlässigt. So werden zum Beispiel ihre Einträge ins Tagebuch immer weniger und dünner. Auch das Kochen, was eine große Leidenschaft von Mutti ist, hört sich nach und nach auf. Immer öfter gibt es halt schnell ein Fertiggericht aus der Microwelle, oder eben nur ein spätes Frühstück statt Mittagessen.

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