Eine Entscheidung bahnt sich an

Muttis Krankenhausaufenthalt dauert fast zwei Wochen und ich besuche sie – meinem Schichtdienst sei Dank – täglich zu unterschiedlichen Zeiten.

Die erste Nacht musste sie auf der Wachstation verbringen.
Diagnose: Vorhofflimmern!

Das klingt für mich ganz schrecklich und ich habe große Angst, dass ich Mutti verliere.

Wieder einmal bestätigt sich, dass eine Vorsorgevollmacht und eine Patientenverfügung so ziemlich die wichtigsten Dokumente sind, die man sich nur vorstellen kann; abgesehen natürlich von der Krankenkassenkarte! Ohne die wird  – so glaube ich –  wohl gar niemand mehr von einem Mediziner angeschaut.

Am vierten Tag stelle ich fest, dass Mutti bisher noch nicht ein einziges Mal ihre dringend benötigten Inhalations-Medikamente bekommen hat (trotz beigelegtem Mediplan).
Diverse Aufklärungsbögen über angedachte Untersuchungen und deren mögliche Folgen unterschreibe ich im Namen meiner Mutti, denn sie wäre dazu gar nicht in der Lage. Zumal die flotten Erklärungen von so manchem ungeduldigen Arzt sogar meine Auffassungsgabe überfordern (und ich bin gute 30 Jahre jünger als meine Mutti und nicht dement   😉 )

Geplant ist eine Elektroschock-Behandlung, die das Herz wieder in den richtigen Tritt bringen soll. Allerdings stellt sich bei einer vorgeschalteten Ultraschall-Untersuchung heraus, dass Mutti so etwas ähnliches wie Grieß-Ablagerungen hat, die bei der ursprünglich geplanten Behandlung zu einem Schlaganfall führen könnten.
Also entschließen sich die Ärzte, nichts zu tun und Mutti medikamentös einzustellen.

Nachdem es ihr kein bisschen besser geht und ich große Sorge habe, wie das daheim mit ihr weitergehen soll, suche ich das Gespräch mit dem behandelnden Arzt.
Zwischen Tür und Angel findet „Dr. Schnösel„, wie ich ihn später getauft habe, doch tatsächlich die Zeit, sich eine Frage von mir anzuhören:
„Wie soll es denn mit meiner Mutter weitergehen? Gibt es vielleicht eine Möglichkeit für sie eine Pflegestufe zu bekommen?“
Antwort von „Dr. Schnösel„:

„Wieso? Diese Frau ist doch mobil!
Diese Frau braucht doch keine Pflegestufe!“

Und wenn ich mehr wissen wollte, müsste ich doch bitte die Schwestern fragen. Er sieht die Patienten ja höchstens 5 Minuten am Tag.

Er schwirrt ab mit seinem Gefolge und ich bleibe irritiert auf dem Klinikgang zurück.
Augen und Mund stehen mir offen; ich glaube das gerade Erlebte einfach nicht.

Auf dem Weg hinaus ins Freie kommt mir, dass ich eigentlich hätte sagen sollen:

‚Diese Frau hat einen Namen!
Diese Frau ist meine Mutter!
Diese Frau hat das Recht mit Respekt behandelt zu werden!‘

Aber dafür ist es jetzt natürlich zu spät! Das kennt man ja, dass einem die richtigen Worte leider oft zu spät einfallen.

Tags drauf suche ich nochmal das Gespräch mit einer Schwester. Ich schildere ihr meine Begegnung mit „Dr. Schnösel“ und sie weiß gleich, wen ich meine.
Sie sagt mir, dass heute ein Kollege von ihm Dienst hat, und dass ich warten soll, bis er mit der Visite kommt. Dann könnte ich ihn einfach fragen.
Ich trau mich fast gar nicht, ihn unangemeldet anzusprechen, doch er ist sehr nett und reagiert verständnisvoll.

Nein! Mutti kann so auf keinen Fall allein nach Hause. Ich soll zu der Sozialstation im Erdgeschoss gehen, und dort wird man mir behilflich sein, für Mutti einen Platz für die Kurzzeitpflege zu finden. Und die nötige Plegestufe wird mit einer Schnelleinstufung vorgenommen.
Tja! Ist „diese Frau“ wohl doch nicht so mobil wie mir „Dr. Schnösel“ weißmachen wollte…

Und dann geht alles sehr schnell.
Mutti wird ins Pflegeheim verlegt – Zweibettzimmer!
Was anderes war auf die Schnelle nicht zu bekommen. Aber ich bin froh, dass wir ein Heim gefunden haben, das nicht allzu weit von mir weg ist und den Rest muss man dann mal sehen.

Ich kann mir sowieso nicht vorstellen, wie das weitergehen soll!

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