„Heim-Suchung“ für meine demenzkranke Mutti

Die Zeit, die Mutti in der Memory-Klinik verbringt (es ist Mai 2012), nutze ich, um mich weiter zu informieren. Ich habe das Gefühl, dass ich mich irgendwie vorbereiten muss auf das, was da kommt – was auch immer das sein wird.
Sollte ich einmal schnell einen Heimplatz für Mutti brauchen, möchte ich vorher schon ein paar Möglichkeiten kennengelernt haben.

Ich telefoniere mit Hinz und Kunz und bei jedem Gespräch tut sich wieder irgendwo ein Türchen auf. Ich erfahre, dass es in verschiedenen Altenheimen verschiedene Wohnkonzepte gibt, und auf meine Frage, worauf ich denn bei so einer Heimbesichtigung achten soll, bekomme ich leider nur die Antwort:

„Geh einfach hin, Du wirst spüren, ob es passt.“

Checkliste für die Beurteilung eines Pflegeplatzes

 

Dieser Tipp erscheint mir anfangs doch reichlich platt und wenig hilfreich; wo ich mir doch so eine Art Checkliste wie diese für meine Altenheimtouren erhofft hatte.

Aber heute weiß ich, dass ich mich wirklich auf mein Bauchgefühl (genügend Bauch hab ich ja Wink) verlassen musste; rational konnte ich nur die Rahmenbedingungen anschauen, aber ob es passt oder nicht, das sollte ich sehr bald deutlich spüren.

 

Ich habe einen Termin in einem guten Heim, wo auch Wohngruppen für Demenzkranke angeboten werden. Während ich warte bis ich von der zuständigen Mitarbeiterin am Empfang abgeholt werde, lasse ich die Atmosphäre auf mich wirken.

„Gar nicht schlecht“, denke ich, „wirkt sehr gepflegt und strahlt eine gewisse Würde und Wertschätzung aus.“

Eine amtliche Betreuerin mit einem mächtigen Aktenbündel unterm Arm legt ein sehr resolutes Auftreten an den Tag. Sie setzt die Dame an der Rezeption mit ihren Forderungen sichtlich unter Druck, und diese versucht nach allen Regeln der Kunst die unangenehme Person zufriedenzustellen.
Ich denke: „Na ja, vielleicht muss man da so auftreten?! Schließlich hört man ja so einiges über die Zustände in Pflegeheimen und dass man sich wohl immer gut kümmern muss.“

Aber da werde ich auch schon abgeholt und ich bin froh, dass die Mitarbeiterin sehr freundlich ist. Wir fahren mit dem Aufzug bis unters Dach und der Gang, der dann zu der Wohngruppe führt ist endlos lang. Ich denke nur kurz:

„Da kann meine Mutti ja nie mehr alleine rausgehen,
die schafft ja den Gang gar nicht.“

Und endlich – am Ende des Ganges – stehen wir vor einer großen Glasscheibe. Dahinter einige alte Menschen, die mehr oder weniger teilnahmslos um einen großen Tisch herum sitzen. Es ist Mittagszeit und die Szene macht mich traurig.

Ich habe mehrmals deutlich gemacht, dass ich nur mal so vorab auf Erkundungstour bin, und dass von einem Umzug noch nicht die Rede sein kann.
Aber da steht sie mit mir schon in einem Bewohnerzimmer – Zweibett –  und meint, dass sie da gerade einen Platz frei hätte. „Das hier ist das Bett der Frau Soundso und Sie dürfen auch gerne eigene Möbel mitbringen!“
Wir stehen in einem verwinkelten Mansardenzimmer mit einem Dachfenster (zumindest habe ich es heute so in Erinnerung), und ich frage mich ernsthaft, wo man da eigene Möbel hinstellen soll.
Ich fühle mich dunkel und schwer. Das kann ich meiner Mutti doch nicht antun.

Ihr, die für mich immer nur das Beste wollte… 

Die Heimangestellte drückt mir einen Stapel Infomaterial in die Hände und ich fühle mich, als ob mir jemand mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen hätte.
Ich werde noch eingeladen auf einen Kaffee in der hauseigenen Cafeteria und ich denke: „Ach das ist vielleicht ganz gut, vielleicht komme ich ja mit jemandem ins Gespräch.“
Aber es ist alles so groß und ungemütlich, dass ich nur schnell meinen Kaffee trinke und dann das Weite suche.

Draußen auf der Straße bricht dann das ganze Elend über mich herein.
„Was machst Du da bloß?
Du kannst Deine Mutti doch nicht so wo reinstecken!“

Ich biege un die Ecke, sinke total verstört auf eine Parkbank und weine bitterlich. Ich habe Not, mich wieder zu fangen.
Wenn ein vorbeifahrender Taxifahrer mich hier so sieht, denkt er bestimmt, mir ist was Schlimmes zugestoßen – und er hat recht!

Das zweite Heim, das für heute auf meiner Liste steht, steuere ich zwar noch an; nachdem aber gerade hektisches Treiben wegen einem Einsatz des Rettungsdienstes herrscht, hat niemand Zeit, mir eine Frage zu beantworten. Auch hier bekomme ich wieder schöne bunte Hochglanzprospekte, aber für heute bin ich sowieso schon bedient.

Was für eine Sch…

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