Meine demenzkranke Mutti bleibt im Heim

Mutti erholt sich langsam und ich tue mir wahnsinnig schwer mit der Entscheidung, sie nun endgültig im Heim zu lassen.

„Abgeschoben“

heißt der Vorwurf, der sich da wie ein fettes Monster in meinem Hinterkopf breit macht.

Der herzliche Pfleger, der Mutti bei ihrer Ankunft in Empfang genommen hat, versucht mir Mut zu machen.
Er sagt: „Sie werden als Tochter Entscheidungen für Ihre Mutter treffen müssen. Wenn sie selbst nicht mehr in der Lage ist, zu entscheiden, müssen Sie ihr das abnehmen. Ich weiß, das ist schwer, aber Sie schaffen das.“

Naja! Der Verstand kann diesem Gedanken schon zustimmen, aber das Herz….?

Doch es zeichnet sich sehr deutlich ab, dass Mutti alleine einfach nicht mehr gut für sich sorgen kann, und so treffe ich die Entscheidung:

Mutti bleibt im Heim – wir ziehen um!

Und das zieht eine Menge todo’s nach sich.
Der Heimvertrag ist zu unterschreiben, alle möglichen Vollmachten muss ich beibringen (was bin ich froh, dass wir die alle noch rechtzeitig ausgefüllt haben), die Wohnung muss gekündigt werden, und was noch viel schlimmer ist:

Die Wohnung muss geräumt werden!

Also wühle ich mich in jeder freien Minute durch Muttis Sachen.
3 Zimmer, Küche, Bad, Keller.
Bewohnt von meinen Eltern seit 25 Jahren.

Eine Generation, die an den Dingen hängt. „Das kann man nicht wegtun, das kann man schon wieder einmal brauchen.“ Und dann muss ich ja auch schnell entscheiden, was ich für Mutti behalte, was ich in ihrem Zimmer unterbringe, welche Kleidung ich ihr einpacke (wir haben eine Auswahl von Gr. 48 bis Gr. 54)

Ich weiß gar nicht so richtig, wo ich anfangen soll.

Ich lege alte Plastik-Eisboxen für mich zur Seite, sortiere Geschenkbändchen aus, verzettel mich in Kleinigkeiten.
Offensichtlich habe ich das „Das kann man nicht wegtun, das kann man schon wieder einmal brauchen – Gen“ meiner Eltern auch.

Plötzlich macht mein Ohr zu und mich packt die blanke Panik

Irgendwie muss ich großzügiger an die Sache rangehen, doch es fällt mir unendlich schwer. Ich packe in mehrere Umzugskartons Dinge für verschiedene Leute, räume Sachen von links nach rechts und wieder zurück. So muss Sisyphus sich gefühlt haben.

Gut, dass ich Muttis leeres Zimmer schon ausgemessen habe; so weiß ich wenigstens, welche Möbelstücke in ihrem neuen Zuhause Platz finden werden.
Mein Cousin, ein Schreiner hilft mir bei der Planung, weiß, welches Teil vom Schrank wir am besten weglassen können, und hilft mir später, gemeinsam mit meinem Schwager (auch ein Schreiner) beim Ab-und Aufbau der Möbel.

Von einer sehr lieben Freundin bekomme ich einen quadratischen Tisch. Der passt ganz wunderbar an Muttis neuen Fensterplatz.

Die Dinge finden sich

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6 Kommentare zu Meine demenzkranke Mutti bleibt im Heim

  1. Liebe Gabi,

    durch deinen Kommentar in meinem Blog bin ich auf deinen berührenden und ermutigenden Blog aufmerksam geworden. Wie tapfer ihr seid!

    Ich finde es eine ganz wunderbare Idee, die Demenz deiner Mutter mit Hilfe eines Blogs zu bewältigen. Sowohl für dich als auch für andere, die mitlesen dürfen. Denn ich habe den Blog gleich an eine Bekannte von mir weitergeleitet, die sich mit ihrer Familie auch um ihre demenzkranke Mutter kümmert.

    Ganz viel Kraft wünsche ich dir und euch weiterhin und schicke dir stärkende Grüße aus Hamburg.

    Herzliche Grüße
    Sabine

    • Gabi sagt:

      Liebe Sabine,
      das freut mich, dass Dir mein Blog so gut gefällt. Und dass Du die Info an eine betroffene Familie weitergereicht hast, freut mich ganz besonders.
      Denn genau das ist der Grund für diesen Blog: dass sich im Netz Leute finden, die mit den gleichen Schwierigkeiten – die die Demenz so mit sich bringt – kämpfen. Mein Wunsch ist, dass die ein oder andere Info bzw Geschichte für andere eine kleine Hilfe oder auch Trost sein können.

      Ich danke Dir für Deine lieben Worte und schicke Dir einen sonnigen Gruß zurück.

      Alles Liebe
      Gabi

  2. Eva Peters sagt:

    Liebe Gabi,
    ich wünsche Dir sehr das quakende Monster in Sachen „Abgeschoben“ mit entrümpelt zu haben. Deine Entscheidung ist absolut in Ordnung und vor allem ist es wichtig, dass Du selber noch bei Kräften bleibst und auf Dich achtest.

    Ich mag ja Deinen feinen Humor und Deine bildhafte Beschreibung auch des Ausräumens, was nun wirklich kein Spaß ist und auch wie ein Faß ohne Boden scheint. Vor allem wenn da auch eigene Erinnerungen mit zutage kommen. Beim Elternhaus Ausräumen war mein ältester Bruder zum Glück recht rigoros, sonst wäre ich heute noch am Hin und Hersortieren und hätte vermutlich sogar noch meine Puppenstube behalten und die vielen über Jahrzehnte von den Eltern top gepflegten Dinge, denn die sind ja immer noch gut … Ich glaube auch hier darf man sich guten Gewissens externe Unterstützung suchen, um die eigene Kraft und Zeit anderweitig zu nutzen.

    Ich wünsche Dir ganz viel Glück und vor allem acuh Erholungsphasen für Dich
    Viele Grüße
    Eva

    • Gabi sagt:

      Liebe Eva,
      ja! Das quakende Monster hab ich schon längst mundtot gemacht. Zumindest was das „abgeschoben“ angeht.
      Ich bin heute immer noch im Reinen mit meiner Entscheidung, die ich damals getroffen habe. Auch heute noch geht’s meiner Mutti (meistens) gut und wir loben in trauter Zweisamkeit bei Kaffee und Kuchen sehr oft, wie gut wir es mit ihrem neuen „Daheim“ getroffen haben.
      Ich bin ja hier auf meinem Blog immer noch am Nacherzählen von vergangenen Begebenheiten; es ist schwer, der davongaloppierenden Zeit hinterherzukommen.
      Und beim endgültigen Ausräumen hab ich noch tatkräftige Unterstützung bekommen; das gibts dann in einem der nächsten Beiträge zu lesen.
      Ich freue mich sehr, dass Dir mein Blog gefällt und bedanke mich ganz herzlich für Deine guten Wünsche.

      Liebe Grüße
      Gabi

  3. Wedekind Jörg sagt:

    Liebe Gabi,
    es freut mich, dass es Dir mit Deiner Mutti immer noch so gut geht.
    Wenn es nicht so grotesk wäre, würde ich mich – dank Deines Blogs –
    fast auf zu erwartende Zeiten mit meiner Mutti „freuen“!
    Dein Blog nimmt einem zumindest diese riesige Angst
    vor der Verantwortung, die eigentlich keiner will.
    Unseren ersten Schritt in die Verantwortung taten übrigens jetzt erst im Frühling.
    Habe meine Mutti von Ingolstadt zu uns nach Holzkirchen geholt.
    Keine einfache Sache, aber alle haben irgendwie ein deutlich besseres Gefühl jetzt.
    Ich werde Euer auf und ab natürlich weiterhin sehr interessiert verfolgen.
    Ganz liebe Grüße vom alten Kollegen

    • Gabi sagt:

      Lieber Wedel,
      das ist ja schön, wieder was von Dir zu hören.
      Es macht mir grade rote Bäckchen, dass Dir mein Blog so ein guter Begleiter ist. Freut mich sehr!

      Ja – und unsere Herausforderungen werden nicht kleiner über die Jahre.

      Ich hinke ja mit meinen Berichten immer noch der aktuellen Zeit hinterher. Aber es kostet viel Kraft und Zeit, die vergangenen Ereignisse revue passieren zu lassen und lesergerecht aufzubereiten.
      Ich hoffe, dass mir die Zeit (und meine Mutti) nicht davonläuft. Du hast mich gerade motiviert, mal wieder einen neuen Beitrag zu starten.
      Der Schritt, Deine Mutti in Eure Nähe zu holen, macht sicher Vieles einfacher.
      Doch auch in dieser Nähe muss man erst den richtigen Abstand zueinander finden.
      Dafür wünsche ich Euch das nötige Einfühlungsvermögen und ein glückliches Händchen.

      Eine gute Methode zum Umgang mit alten (vorwiegend demenzkranken) Menschen hat Naomi Feil entwickelt. Ihre sogaenannte Validation hat mir im Umgang mit meiner Mutti sehr geholfen.
      Wer weiß, vielleicht ist das auch für Euch eine hilfreiche Anregung.

      Jetzt wünsch ich Dir einen schönen Abend und zufriedene Momente mit Deiner Mutti.

      Hab mi narrisch gfreit.
      Ganz lieben Gruß
      Gabi

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