Mutti schließt einen neuen Telefonvertrag ab

Jetzt komme ich mit meinen Geschichten so langsam am Ende von 2011 an, und auch da gibt es wieder eine mittlere Aufregung.

Ich war gerade an einem Samstag wieder mal beim Frühstücken bei Mutti. Das mag sie sehr gerne und ich verbinde das Ganze dann immer mit verschiedenen Erledigungen im Haushalt.

Das Telefon klingelt und ich hebe ab.
Am anderen Ende ist ein freundlicher junger Mann, der einen Termin mit Mutti vereinbaren will, um die neue Telefonleitung in Gang zu bringen. Ich frage, wieso das nötig ist, und er erklärt mir, dass er von einer Telefongesellschaft beauftragt ist, bei der meine Mutti einen neuen Vertrag abgeschlossen hat.

Nachdem wir so eine ähnliche Situation schon einmal vor Jahren hatten, laufe ich innerlich Amok. Ich kann mich noch gut an die Schwierigkeiten erinnern, die wir damals hatten: den neuen Vertrag stornieren, aufpassen, dass der alte Vertag nicht durch die neue Firma beendet wird, Telefonate, Schreibereien, Hotlines – OH JE!

Und jetzt dasselbe wieder, nur dass Mutti eigentlich gar nicht mehr weiß, dass sie was unterschrieben hat und schon gar nicht, wo das Formular sein könnte.

Ich kann den Mann von der Elektrofirma überzeugen, dass er erst mal nicht kommen muss, und er sagt mir eine Nummer, unter der ich die besagte Telefonfirma erreichen kann.

Aus einem gemütlichen Frühstück wird plötzlich ein sehr aufgeregter Vormittag.
Mutti ist ganz verzweifelt, dass sie da was unterschrieben hat und hadert mit sich und ihrem Schicksal: „Ich unterschreib jetzt gar nichts mehr, und am Telefon sag ich auch nichts mehr. Ich mach mir einen Zettel an die Tür und ans Telefon, dass ich nichts mehr unterschreiben darf, …“
Das machen wir dann später auch, aber Dinge, die auf Zetteln stehen, verlieren nach und nach auch ihren Sinn.

Und ich würde sie am liebsten schütteln und wachrütteln und normalerweise hätte ich sicher ganz böse mit ihr geschimpft. Aber so versuche ich, meine Aufregung – so gut es halt geht – vor ihr zu verbergen, tröste sie, dass sich das schon wieder richten lässt, und hoffe auf Verständnis der Telefon-Firma.
Es kostet mich einige Mühe und Überzeugungsarbeit, und ich erzähle dem Mann am Telefon, dass sich meine Mutter nichts mehr merken kann. Dass sie Alzheimer hat, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Zum Glück schaffe ich es, dass wir den Vertrag rückgängig machen können.
Es ist eine Frechheit, dass die Vertreter der Telefongesellschaften alten Leuten mit viel Blabla neue Verträge aufs Auge drücken – leichte Beute für skrupellose Provisionsjäger.

Als ich ein paar Tage später wieder bei ihr bin, um die Unterschrift für die Stornierung des Vertrags zu holen, ist sie sehr niedergeschlagen. Sie weint, hat Sehnsucht nach ihrem verstorbenen Mann, weiß nicht mehr, was sie noch im Vorrat hat und was sie einkaufen muss.

Es ist ein Elend!

TIPP
Seitdem suche ich immer, wenn ich bei ihr bin, leicht panisch unter Stapeln von Zeitungen und Illustrierten, ob ich nicht doch ein wichtiges Schreiben entdecke.
Altpapier werfe ich nicht mehr in großen Paketen in den Container sondern eher Blatt für Blatt.

Und das ganze Suchen erledige ich meist in den kleinen Zeitfenstern, wenn Mutti kurz nicht im Zimmer ist. Ich will sie nicht damit konfrontieren, dass sie vielleicht was Wichtiges unters Altpapier gebracht hat.

Dieser Beitrag wurde unter Bürokratisches, Hilfreiches, Persönliches, Tipps abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*