Wohin wird die Demenz uns im neuen Jahr führen?

Voller Sorge blicke ich den zu erwartenden Ereignissen im nagelneuen Jahr 2012 entgegen. Die beginnende Alzheimer-Demenz meiner Mutter lässt mich nichts Gutes ahnen.

Mutti bringt immer öfter Wochentage durcheinander. Sie registriert überhaupt nicht, dass wir schon im neuen Jahr sind, schläft viel, klagt über ihre Vergesslichkeit und das Alleinsein: „So ein Tag vergeht schon schnell, wenn man nicht alleine ist“.

Sie tut mir so leid und ich möchte ihr so gerne besser helfen können.

Doch wenn ich dann wieder Dinge im Kühlschrank finde – mehrere offensichtlich aufgetaute Putenschnitzel (später stellte sich heraus, dass Mutti vergessen hat, dass sie die Schnitzel einfrieren wollte), abgelaufenen Käse, eine total verschimmelte Salatgurke – dann bin ich in der Disziplin „Ruhigbleiben“ nicht gerade der Held. Die Schnitzel wollte sie sich dann irgendwann braten, den Käse durfte ich nicht entsorgen, weil sie den ja noch essen kann, einzig die Gurke fand den Weg in den Müll.

Durch das ganze Hin und Her mit dem Essen ist die Situation mal wieder eskaliert;
dahin ist das ganze Gelernte aus der Demenzbegleiter-Schulung.
Ich habe wieder mal geschimpft, Mutti hat geweint; sie mag nicht mehr leben, weil sie ja immer nur geschimpft wird…

Oh wie fühl ich mich schlecht, wenn ich mich an all das jetzt nochmal erinnere.

Wir haben uns dann wieder beruhigt, ich habe nachmittags bei ihr gebügelt und dabei einen Stapel Schmutzwäsche unter der Bügelwäsche gefunden, wieder neue Vorräte an Milch entdeckt und so weiter.
Ich glaube manchmal, ich muss aufgeben, ich kann sie nicht vor ihr selbst beschützen.

Im Gegenteil. Dadurch, dass sie selbst ja meistens der Überzeugung ist, dass alles in Ordnung ist, dass ihre Vergesslichkeit „altersgemäß“ ist, komme ich mit meinen Bedenken und Einwänden auch gar nicht so richtig an sie ran.

Bei der Heilpraktikerin spielt sie die Zufriedene und streitet ab, dass sie mir gegenüber geäußert hat, dass sie so allein ist.
Im nächsten Moment erkennt sie ihre eigene Handtasche nicht (ein Weihnachtsgeschenk vom letzten Jahr) und will bei unserem gemeinsamen Einkauf gleich wieder Milch kaufen. Als ich ihr sage, dass sie noch so viel Milch zuhause hat, meint sie nur: „Ja das weiß ich ja nicht, dass ich da noch einen Vorrat habe.“

Was wird das wohl alles noch werden?

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2 Kommentare zu Wohin wird die Demenz uns im neuen Jahr führen?

  1. Noga sagt:

    Ich vermute, daß Ihre Mutter immer im gleichen Laden / Supermarkt einkauft. Bei meiner Mutter war es ganz ähnlich. Von den armen Rittern, die man aus den Toastbrot, Milch- und Eierbeständen machen hätte können, wäre eine ganze Garnision satt geworden. In manchen Geschäften sind die Ladeninhaber entgegenkommend, wenn man ihnen im Gespräch nahebringt, was der Hintergrund dieses Einkaufsverhaltens ist. Meine Mutter hatte auch unglaublich viele Packungen mit Spüllappen, die zurückgenommen wurden.

    Wenn es überhaupt nicht anders geht, dann bleibt einem nichts anderes übrig als die gehorteten Lebensmittel zu verschenken (Tafel).

    • Gabi sagt:

      Hallo Noga,
      es ist für mich immer wieder beruhigend zu lesen, dass es anderen Betroffenen ganz ähnlich geht wie mir; ich fühle mich dann gleich ein bisserl weniger alleine.
      Das war auch mit ein Grund dafür, dass ich diesen Blog auf die Beine gestellt habe. Ich dachte, anderen hilft’s vielleicht auch, auf diese Art ein bisschen Zuspruch zu finden.
      Über Ihren Kommentar freue ich mich sehr, und ich kann versprechen: es bleibt spannend. Ich bin ja immer noch am Aufarbeiten der Vergangenheit – mittlerweile hat sich bei uns viel verändert, aber dazu später mehr im Blog.
      Vielleicht mögen Sie mich ja ab und zu hier besuchen?! Ich würde mich freuen!
      Viele Grüße
      Gabi

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